Vorwort zu  »Das große Tolkien-Lexikon«

(Auszug)

Dieses Lexikon ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Künstler, den ich für den größten Fantasy-Autor überhaupt halte. Seit ich 1978 innerhalb weniger Tage zum ersten Mal den »Herrn der Ringe« und das »Silmarillion« verschlang, hat mich seine Welt nicht mehr losgelassen – ich schrieb Artikel dazu und Lieder, entwickelte ein eigenes Quenya-Lexikon und Computerzeichensätze, baute Tolkiens Welt und Figuren ins Rollenspiel ein und hielt Vorträge zu meinem Lieblingsautor.

Tolkien und seine Ideen bestimmten nicht nur mein Leben wesentlich mit; sie hatten wesentlichen Einfluss auf Literatur und Kultur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auf die Studentenbewegung wie auf die Musik, und nicht zuletzt gilt Tolkien mit gutem Recht als Begründer des literarischen Genres Fantasy. Und dies, obwohl zu seinen Lebzeiten eigentlich nur zwei seiner Werke größere Bedeutung erlangten, der »Hobbit« und der »Herr der Ringe«. Schon das posthum veröffentlichte »Silmarillion« (1977, in Deutschland 1978) ist ein Buch für »echte Fans« und Spezialisten geblieben, und es ist ja auch wirklich nicht leicht zu lesen: Das von manchen Kritikern mit dem Alten Testament verglichene Werk umfasst auf wenigen hundert Seiten immerhin einen Zeitraum von vielen tausend Jahren, von der Erschaffung der Welt bis zur Zeit nach dem Ringkrieg, mit kompletter Kosmogonie, Mythologie und Religion und sogar eigenen Sprachen und Schriften. Tolkiens andere zu Lebzeiten veröffentlichte Werke, die nicht in »Mittelerde«, der Welt des »Herrn der Ringe« und des »Silmarillion«, spielten, wurden ebenfalls nur einem kleinen Kreis von Liebhabern bekannt, Beispiele sind die (in Deutschland erst 1975 veröffentlichten) »Fabelhaften Geschichten«: »Blatt von Tüftler« (1945), »Bauer Giles von Ham« (1949) und »Der Schmied von Großholzingen« (1967).

Obwohl also das bis zu seinem Tod 1973 veröffentlichte Werk nur ein paar Bücher mit weniger als 2000 Seiten umfasst, galt Tolkien bereits damals als der unumstrittene Alt- und Großmeister der phantastischen Literatur, als der Mann, der diese Art Literatur überhaupt erst zu einem eigenständigen Genre machte. Vergleicht man den Umfang seines Werkes mit dem anderer erfolgreicher, Genre-prägender Autorinnen und Autoren, wird besonders deutlich, was Tolkien damit geleistet hat: Über 80 Bücher veröffentlichte die erfolgreichste Autorin aller Zeiten, die »Queen of Crime« Agatha Christie. Von Karl May liegen über 80 Bücher vor, Hedwig Courths-Mahler erschrieb sich ihren Ruf als Meisterin der Trivial-Literatur mit über 200 Romanen. Selbst Joanne K. Rowling übertrumpft mit ihren bisher erschienenen vier Harry-Potter-Bänden den Tolkien der frühen 70er-Jahre – umfangmäßig betrachtet.

Wenn es nicht die Menge ist – was also macht Tolkien so einzigartig, so beliebt und begehrt? Dies ist eines der meistdiskutierten Themen sowohl in der Fachwelt wie in der Fan-Gemeinde, und ich maße mir nicht an, diese Frage allgemeingültig zu beantworten. Letztendlich kann und muss jede Leserin und jeder Leser selbst beantworten, was sie oder ihn an Tolkien fasziniert (oder eben nicht). Für mich sind dies die Sprache Tolkiens ebenso wie der romantisch-tragische Stil, der viele seiner Geschichten auszeichnet, und der immer wieder vermittelte Eindruck, dass im Hintergrund ein riesiger Fundus unerzählter Geschichten wartet. Mich begeistert aber auch die Komplexität seiner Plots und die Großartigkeit seiner Mythologie, hat Tolkien doch einen der umfangreichsten, fantastischsten und schlüssigsten Mythen der gesamten Literatur geschaffen. Aus der frühen Erkenntnis heraus, dass seinem Land eine umfassende Mythologie fehle, entstand bei Tolkien die Idee, eine komplette Kosmogonie und Mythologie zu erschaffen; dabei erzählt er eben nicht Geschichten aus und über eine frei erfundene, eine parallele oder eine Alternativ-Welt, sondern über unsere Welt und unsere Vor-Geschichte: »Mittelerde ist unsere Welt.« Tolkiens Werk bietet zudem viele zusätzliche Aspekte, bis hinein in den politischen Raum, auch wenn er selbst es nie politisch verstanden wissen wollte. Immerhin gingen in den USA 1968 Studierende auf die Straße mit dem Slogan »Gandalf for President« und wird der »Herr der Ringe« seit Jahren in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion mit Begeisterung und auch als politische Allegorie gelesen. Und der letzte Teil des »Herrn der Ringe« behandelt den Kampf zwischen Industrie und Umwelt, zwischen Ausbeutung und humaner Lebensweise, oder, modern gesprochen, zwischen Ökonomie und Ökologie. Zudem kann man in den Werken des eigentlich konservativen Autors zu zahlreichen Aspekten des Menschseins Bedenkenswertes und oft auch Utopisches finden. Ich teile die Auffassung von Tom Shippey, dass es nicht nur unsere Fähigkeit, sondern sogar unsere Aufgabe ist, in Tolkiens Werken auch Metaphorisches zu finden und so manches, was Tolkien selbst nicht darin sah – dies ist, wie Umberto Eco stets betont, eine der wesentlichen Eigenschaften guter Kunst.

1996 wurde der »Herr der Ringe« bei einer Umfrage in England zum wichtigsten Buch des Jahrhunderts gewählt, es folgten mehrere Umfragen in den USA und Großbritannien, die alle den Herrn der Ringe« zum besten Buch des Jahrhunderts kürten, und die etwa 50.000  Mitglieder der englischen »Folio Society« wählten Tolkiens Werk sogar zum besten Buch aller Zeiten. »Buch des Jahrhunderts« wurde  der »Herr der Ringe« 1999  bei einer Umfrage von amazon. com, und nach einer weiteren Umfrage soll er auch das meistgelesene Buch des Jahrhunderts sein. Klett-Cotta, Tolkiens deutscher Verlag, behauptete in der »Tolkien-Times« im August 2001, das Werk sei nach der Bibel das meistgelesene Buch der Welt. Eines der bedeutendsten ist es auf jeden Fall, selbst wenn dies nicht stimmen sollte – die Auflagenhöhe ist ja nicht das entscheidende Kriterium für die Bedeutung eines Buches, sonst würde man zahlreichen Werken der Weltliteratur nicht gerecht. Sicher werden »Ulysses«, der »Faust« oder Shakespeares Werke nicht so häufig gelesen wie z. B. Harry Potter (zumindest nicht freiwillig...)

Unabhängig von der Zahl der Leserinnen und Leser steht Tolkiens Werk in der phantastischen Literatur einzigartig da. Seit dem »Herrn der Ringe« schreibt man als phantastischer Autor oder Autorin entweder »wie Tolkien« oder eben »anders als Tolkien«. Einen »erratischen Block«, einen Findling in der literarischen Landschaft des 20. Jahrhunderts, nannte sein Werk 1983 ein Fantasy-Lexikon. Helmut W. Pesch, einer der renommiertesten Tolkien-Kenner, sieht es in einer Bestandsaufnahme im Herbst 2001 eher als alten, einsamen, ein wenig morschen Baum, dessen Wurzeln sich weit ausbreiten. Ich finde das Bild des mächtigen, schattenspendenden Baumes sehr schön, zumal es zu Tolkiens eigener Vorstellung aus »Blatt von Tüftler« passt. Doch sehe ich ihn nicht als morsch an. Sicher mag es manche schwachen und morschen Zweige geben, doch insgesamt erblicke ich einen Baum in vollem Saft und Kraft, heute mächtiger denn je. Dies gilt umso mehr, wenn man nicht nur die Hauptwerke betrachtet, sondern auch die Impulse berücksichtigt, die Tolkien mit seinen anderen Geschichten gesetzt hat. Für mich ist und bleibt Tolkien unerreicht.

Die Tolkien-Begeisterung hat, seit die Film-Trilogie zum »Herrn der Ringe« angekündigt ist, noch einmal stark zugenommen. Viele Menschen werden durch diese Filme, deren erster im Dezember 2001 in die Kinos kommt, ihren ersten und vielleicht auch einzigen Kontakt mit dem Meister der Fantasy erleben, andere werden sich beim Lesen oder Hören auf die üblichen Hauptwerke beschränken, den »Hobbit« und den »Herrn der Ringe« (die einzigen, die auch als Hörspiele vorliegen). So manche werden Tolkiens Ideen nicht durch sein Werk, sondern die zahlreichen Merchandising-Artikel kennen lernen – sofern sie irgend etwas mit Fantasy zu tun hatten, kennen sie sie sowieso schon, auch wenn sie sie nicht erkennen.

Ich möchte allen diesen Leuten mit meinem Lexikon ein Hilfsmittel an die Hand geben, den komplexen Kosmos von Mittelerde besser zu verstehen und sich in der Vielzahl der Figuren, Völker, Sprachen, Lieder und Geschichten zurechtzufinden, ohne deshalb unbedingt das »Silmarillion« lesen zu müssen (das ich aber unbedingt empfehle!) oder gar die 12-bändige »History of Middle-Earth«, die Christopher Tolkien in den 80er-Jahren zusammenstellte (und von der nur die ersten beiden Bände auf Deutsch erschienen sind).

Dieses Lexikon soll aber auch denen nutzen, die sich intensiver mit Tolkien beschäftigen, für Lehre, Studium oder das Schreiben mehr wissen müssen oder sich gar wissenschaftlich mit seinem Werk auseinander setzen. Deshalb finden sich viele Hinweise auf Geschehnisse und Personen, die nur im »Silmarillion«, den »Nachrichten aus Mittelerde« oder der »History of Middle-Earth« zu finden sind. Das Lexikon kann und soll das Lesen dieser Werke nicht ersetzen – alleine die »History« umfasst mit ihren 12 Bänden mehrere tausend Seiten –, aber es soll das Wesentliche finden lassen und als Wegweiser dienen zu einer weiteren Recherche in Tolkiens Werken. Wenn es Widersprüche gibt – und diese finden sich in Tolkiens Werk nicht selten –, habe ich mich an jene Variante gehalten, die von Christopher Tolkien, dem wohl besten Kenner der Werke seines Vaters, als die wahrscheinlichste ausgegeben oder als letzte veröffentlicht wurde. Dies mag im Einzelfall dazu führen, dass ich andere Daten angebe als sie etwa in den Anhängen zum »Herrn der Ringe« stehen; ich gebe dann jeweils den Grund an.

Unmöglich ist es, in diesem Werk alle von Tolkien erfundenen Sprachen bis in die Einzelheiten darzustellen. Ein komplettes Wörterbuch alleine der Elbensprachen würde den Rahmen dieses Lexikons weit sprengen, und eine genauere etymologische Betrachtung oder einzelne Quellenangaben sind schon gar nicht möglich. Doch finden sich wichtige Begriffe der beiden bedeutendsten Elbensprachen, des Quenya und des Sindarin, sowie Quellenangaben und Hinweise zu weiteren Recherchen, insbesondere auch im Internet, außerdem habe ich die Grundlagen aller Sprachen dargestellt.

Die komplexe Sprachentwicklung bei Tolkien sorgt dafür, dass viele Begriffe in sehr unterschiedlicher Schreibweise vorkommen, besonders gibt es häufig unterschiedliche Varianten bei den Akzenten. Tolkien selbst hat diese manchmal in einem einzigen Manuskript unterschiedlich gehandhabt; sein Sohn Christopher hat schon in seinen Veröffentlichungen eine teilweise Vereinheitlichung vorgenommen. Ich verwende in der Regel die Form, die in den bekannteren Werken, dem »Silmarillion« und dem »Herrn der Ringe«, in den deutschen Übersetzungen vorkommt; nur wichtige Abweichungen bei bedeutenden Begriffen habe ich eigens angegeben. Auch habe ich die im Deutschen  inzwischen übliche Schreibweise übernommen, bei Doppellauten wie z. B. ai oder ea auf die Punkte über einem der Vokale zu verzichten, also z. B. Earendil statt Eärendil und Feanor statt Fëanor zu schreiben, denn dies würde im Deutschen oft nur zu Verwirrung führen. Man merke sich einfach, dass bei Tolkien solche Doppellaute immer wie zwei getrennte Laute zu sprechen sind. Anders ist es bei Begriffen wie Emerië, wo man im Deutschen ohne die Punkte über dem e sonst vielleicht ein langes i sprechen würde.

Es war mir nicht möglich, alle englischen Begriffe aufzuführen; bei wichtigen Personen, Gegenständen oder Begriffen habe ich jedoch auch die englische Form angegeben. Sie ist durch kursive Schrift gekennzeichnet und verweist in der Regel auf den deutschen Begriff. Leider gibt es nicht selten, bedingt durch die neuen Übersetzungen des  »Hobbit« und des »Herrn der Ringe«, auch mehrere deutsche Namen oder Gedichtanfänge. Manche sind gewöhnungsbedürftig, etwa Rosie Kattun statt Rosie Hüttinger. Ich habe meist beide Formen angegeben und jeweils gekennzeichnet, um welche Übersetzung es sich handelt. [...]

Für alle, die einen Blick über Mittelerde hinaus werfen wollen, werden auch die anderen Werke von Tolkien ausführlich vorgestellt, von den »Fabelhaften Geschichten« über seine wissenschaftlichen Werke und die »Briefe an den Weihnachtsmann« bis hin zu dem erst 1998 veröffentlichten Märchen »Roverandom«. Auch alle handelnden Figuren aus diesen Werken sind zu finden. Schließlich werden wichtige Gemälde und Zeichnungen von Tolkien und seine Lieder besprochen.
Bei Begriffen oder Wesen, die es auch in der Mythologie oder Geschichte unserer »gewöhnlichen Welt« gibt (die ja laut Tolkien Mittelerde ist, nur in einem anderen Zeitalter), habe ich in der Regel nicht nur beschrieben, wie diese und ihre Geschichte sich bei Tolkien darstellen, sondern auch ihre Einordnung und Hintergründe in unserer Welt und Mythologie.  Umfassend werden Tolkiens Quellen, Ursprünge und fremde Einflüsse dargestellt – vom Sagenkreis um König Artus bis zur nordischen Sagenwelt, von der Edda bis zum finnischen Kalevala. Auch die Bereiche, auf die Tolkien und sein Werk Einfluss ausgeübt haben, werden behandelt, z. B. Brett- und Rollenspiele und besonders ausführlich die neue Verfilmung, inklusive vieler Informationen zu den Darstellenden.

Nicht zuletzt finden sich in diesem Lexikon umfangreiche biographische Angaben sowohl zu Tolkien selbst wie auch zu seinen Weggefährten und anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern seiner Epoche oder solchen, die ihn beeinflussten.

Zum schnellen Überblick findet sich am Ende des Lexikons eine umfangreiche Biobibliographie, in der zu Tolkiens Lebensdaten auch seine Veröffentlichungen angegeben sind sowie bis zum Erscheinen des »Herrn der Ringe« 1954 auch wichtige Ereignisse aus Politik, Wissenschaft und Kultur, um Tolkiens Lebenssituation leichter einordnen und bewerten zu können (zumal die meisten, die dieses Lexikon in die Hand nehmen, sich an diese Zeit kaum aus persönlichem Erleben erinnern dürften). Weitere Zeittafeln stellen in Kurzfassung die Geschehnisse der verschiedenen Zeitalter dar. Ein ausführliches Literaturverzeichnis soll ermöglichen, sich in der Vielzahl der veröffentlichten Tolkien-Ausgaben etwas zurechtzufinden wie auch weitere Recherchen zu betreiben.

Dies ist ein Nachschlagewerk – ich kann und will nicht die Geschichten erzählen, die bereits Tolkien so unnachahmlich erzählt hat. Dennoch würde ich mich freuen, wenn dieses Lexikon auch zum Schmökern benutzt wird. Wenn es obendrein jemanden verführen sollte, mehr von Tolkien zu lesen, umso besser – die Großartigkeit seiner Werke kann hier sowieso nur angedeutet werden. Tolkien muss man lesen! [...]

Im Oktober 2001
Friedhelm Schneidewind