Das beliebteste Buch in Deutschland:
DER HERR DER RINGE
 |
»Hobbits
hurra! DER HERR DER RINGE ist das Lieblingsbuch der Deutschen«
- so bejubelt das ZDF auf seiner Internetseite die Wahl von Tolkiens Trilogie zum beliebtesten Buch der Deutschen (in
Australien wurde Tolkiens Werk ebenso zum beliebtesten Buch gewählt).
Bei der großen Umfrageaktion
des ZDF, unterstützt von der Stiftung
Lesen und dem Börsenverein
des Deutschen Buchhandels sollten die beliebtesten Bücher der
Deutschen gewählt werden; für die, die keine eigenen Ideen hatten,
gab es eine Vorschlagsliste mit 200 Titeln. Vom 6. Juli bis zum 6. August
2004 konnte abgestimmt werden, am 1. Oktober wurden die TOP
50 dann in einer großen Fernsehgala vorgestellt.
Und das Ergebnis schlug sich auch
auf die Verkaufszahlen nieder.
|
Bewertung der Aktion
Natürlich wird diese Aktion mit
Recht auch kritisiert. Nach dem »besten Deutschen« nun das
»beliebteste Buch«, es folgt direkt danach der »beliebteste
Sportler des letzten Jahrhunderts«: Das ZDF entpuppt sich immer mehr
als Show-Kanal mit (mehr als) fragwürdigen Spielchen. Immerhin haben
sie dazugelernt: Nicht das oder der (oder die?) »Beste« wird
mehr gesucht; wer soll das wie auch immer auch bewerten? (Oder ist jemand
ernsthaft der Meinung, dass Daniel Küblböck seinen Platz unter
den 50 »Besten« verdient hat?)
Man kann nach dem/der beliebtesten
Person oder Sache fragen, nach der Person mit der größten Wirkung
(ist das unter den Deutschen nun Einstein, Marx, Hitler, Goethe oder doch
mein Favorit Gutenberg?), nach dem/der bekanntesten – aber nach dem/der
»besten«? Das ZDF sollte diesen Obertitel schleunigst einmotten.
Christoph Schröder kritisierte
die Aktion am 1. Oktober 2004 in der FRANKFURTER RUNDSCHAU (er kannte eine
Vorabliste mit den 50 bestplatzierten Büchern, nicht aber die endgültige
Platzierung):
[...] Erstens, weil die
ganze Aktion einen Namen trägt, der eher nach einer Kaffeesorte als
nach Literatur klingt. Zweitens, weil der Superlativ im Zusammenhang mit
Literatur immer fragwürdig ist. Drittens, weil solch komische Menschen
wie Ottmar Hitzfeld Werbung für Das große Lesen gemacht haben.
Viertens, weil die Gewinner der großen Umfrage im Rahmen einer Fernsehgala
präsentiert werden (das Verhältnis von Fernsehen und Büchern
war noch nie ein sonderlich geglücktes), die fünftens auch noch
von Johannes B. Kerner moderiert wird, was den Schluss nahe legt, dass
dieser Fernsehabend in allgemeiner Weichspülerei, Anschmunzelei und
Formulierungseitelkeit zu versinken droht, selbst wenn die Deutschen sich
nur vernünftige Bücher als ihre Besten ausgesucht hätten.
Haben sie aber natürlich nicht. [...]
Sollte die Vorab-Liste auch nur
halbwegs korrekt sein, dann zeigt sie, was Das große Lesen ist: eine
Momentaufnahme bestenfalls, ein Sammelsurium von Geschmacksurteilen ohne
jeden Repräsentationswert. Aber wie könnte es auch anders sein?
Ich stimme Schröder zum großen
Teil zu: Sicher wurde hier nicht die »beste« Literatur gewählt.
Und das Ergebnis ist auch keineswegs repräsentativ für »die
Deutschen«. Allerdings: Bei einer Aktion, bei der über 250.000
Menschen aktiv abgestimmt haben, kann man das Ergebnis doch wohl als repräsentativ
für jene Menschen betrachten, die viel und gerne lesen.
Dass DER HERR DER RINGE da ganz
vorne landet, unterstreicht die Bedeutung des Werkes in der Weltliteratur
und seinen Bekanntheitsgrad, es wird ihm hoffentlich neue Leserinnen und
Leser zuführen und das Ergebnis wird wohl positive Auswirkungen
für die phantastische Literatur allgemein haben. Ich finde dieses
sehr schön – und es hat mich freudig überrascht.
Die Fernsehgala
Die Fernsehgala überraschte mich
auch – positiv. Sie war keineswegs so plump oder platt, wie ich befürchte
hatte, was auch an den Gästen lag: Alice Schwarzer, Ottfried Fischer,
Susanne Fröhlich und Hellmuth Karasek sagten deutlich ihre Meinung,
deutlicher als ich befürchtet hatte. Den Vogel schoss sicher Karasek
ab, als er den auf Platz 8 gewählten Roman »Der Alchemist«
als »schwachsinniges Erbauungsbuch« einstufte.
Ottfried Fischer, der Fantasy nicht
mag und schon gar nicht liest, kam dem späteren Gewinner am nächsten
mit seiner Vermutung; er erwartete irgendetwas aus dem Bereich der phantastischen
Literatur.
Noch nie hatte übrigens eine
Büchersendung eine solche Einschaltquote: 3,6 Millionen Leute entsprechen
15,4%
Marktanteil, davon waren
10,4 % zwischen 14 und 49 Jahre alt.
Etwas missglückte Präsentation
Einige der Bücher wurden von Prominenten
vorgestellt; schade, dass es bei DER HERR DER RINGE ausgerechnet Jeanette
Biedermann sein musste (die vorher Harry Potter gelobt hatte!). Was die
Sängerin und Schauspielerin (»Gute Zeiten, schlechte Zeiten«)
sagte, war ganz nett (und bieder), wurde aber aus meiner Sicht weder dem
Werk noch seiner Bedeutung gerecht und blieb in den Erklärungsversuchen
für die Wirkung und Beliebtheit zu oberflächlich. Sie mag das
Buch als »modernes wunderschönes Märchen«, auch wenn
es »schon ein bisschen kitschig« ist! Den Erfolg des Buches
erklärt sie damit, es »hat Mystik, das ist es«. Dass sie
für Frodo schwärmt, wundert nun nicht mehr, denn er »natürlich
auch der Held«. Und wollen wir nicht alle einen Ring, der uns Macht
verleiht, ohne uns allzusehr zu fragen, was dabei Negatives rauskommen
klann?
Was sollte das? Wollte man mit der
Wahl der jungen Popsängerin eine bestimmte Zielgruppe bedienen? Laut
ZDF wurde DER HERR DER RINGE ja überwiegend von Leuten unter 30 gewählt
(siehe unten).
Oder fand man wirklich niemand Bedeutenden,
der oder die sich zu Tolkiens Werk bekennen wollte? Immerhin wurde Harry
Potter von Norbert Blüm gelobt (der auch Der kleine Prinz vorstellte, wie auch Stoiber), Bundeskanzler Schröder erläuterte Der
Zauberberg von Thomas Mann, Gregor Gysi begeisterte sich für Goethes Faust und Wolf von Lojewski für den Steppenwolf von Hesse. Wollte
niemand sich zu DER HERR DER RINGE bekennen? Kaum glaubhaft! Schade.
Immerhin äußerten sich
die ExpertInnen im Studio kompetenter. Auch wenn keine/r von ihnen diese
Art Literatur besonders mag, gestanden sie dem Werk doch hohe Qualität
zu, besonders Karasek, der die Trilogie lobte, weil Tolkien hier »völlig
konsequent eine zweite Welt in dieser schafft, eine totale Kunstwelt.«
Karasek, der Tolkien als Student las, gilt nicht umsonst als einer der
bedeutendsten Literaturkritiker Deutschlands; hier hat er Tolkiens Idee
der Zweitschöpfung einem breiten Publikum zumindest teilweise nahegebracht.
Interessante Aspekte der Wahl und der
Bücherliste
Ein paar Anmerkungen zu dem Wahlausgang
im Hinblick auf die 50 und 100 beliebtesten Bücher der Deutschen, Dinge, die mir aufgefallen sind.
-
DER HERR DER RINGE wurde nach Angaben
des ZDF überwiegend von jungen Menschen gewählt:
Altersklasse 0-13 Jahre(?)
2,4% · 14-29 Jahre60,2 % · 30-49
Jahre 34,6 % · ab 50 Jahre 2,8%
Dies ist natürlich nur begrenzt
aussagekräftig, wenn man nicht weiß, wie die Altersstruktur
der 250.000 Abstimmenden aussieht. Doch scheint es mir ein starkes Indiz
zu sein für die Beliebtheit der Trilogie bei jüngeren Menschen
(fast 2/3 bei den unter 30-Jährigen und 97,2 % bei den unter 50-Jährigen).
Es kann aber auch bedeuten, dass im Alter andere Bücher wichtiger
werden wie die zweitplazierte Bibel.
-
Unter den ersten 50 Büchern halten
sich deutschsprachige und fremdsprachige AutorInnen etwa die Waage. 34
der 50 erstplatzierten Titel, also über zwei Drittel, wurden mindestens
ein Mal verfilmt.
-
Es gibt weder Sachbücher noch Lyrik
in den TOP 50, auch reine Krimis sucht man vergebens. Bis auf Goethes Faust (Drama) und Der kleine Prinz (Antoine de Saint-Exupéry, als
Märchen geführt) sind die TOP 50 alles Romane.
-
Insgesamt stimmten etwa doppelt soviele
Frauen ab wie Männer (lesen Frauen wirklich mehr?). Außerdem
gibt es laut ZDF einige klare »Frauenbücher«, bei denen
über 90 % der jeweils abgegebenen Stimmen von Frauen
kamen. Die bestplatzierten davon sind Feuer und Stein von Diana
Gabaldon (Platz 12 · 97 % Frauenanteil), Stolz und
Vorurteil von Jane Austen (17 · 97,1 %),Vom
Winde verweht von Margaret Mitchell (23 · 94,1 %), Das
verborgene Wort von Ulla Hahn (27 · 93,1 %) und Die
Wand von Marlen Haushofer (40 · 94,5 %).
-
Entsprechend »reine Männerbücher«
gibt es scheinbar nicht. Nur Per Anhalter durch die Galaxis von
Douglas Adams (Platz 39) hat mit 82,1 % einen besonders hohen
Männerstimmenanteil; die nächsten Bücher liegen alle bei
höchstens 61 %.
-
Die mit den meisten Büchern vertretenen
AutorInnen sind mit jeweils 4 Werken Joanne K. Rowling mit Harry Potter (Band 1 Platz 9, 5 auf 21, 3 auf 52, 4 auf 69), Hermann Hesse (Siddharta 24, Narziß und Goldmund 29, Der Steppenwolf 44, Das
Glasperlenspiel 67) und John Irving (Owen Meany 37, Gottes
Werk und Teufels Beitrag 41, Das Hotel New Hampshire 65, Garp
und wie er die Welt sah 82).
Mit jeweils 3 Büchern vertreten
sind Thomas Mann (Buddenbrocks Platz 6, Der Zauberberg 22,
Joseph
und seine Brüder 46) und Henning Mankell (drei Krimis auf 63,
64 und 91), mit jeweils 2 Werken Theodor Fontane (Effi Briest, Platz
20, Der Stechlin 43), Michael Ende (Die Unendliche Geschichte
26, Momo 53), Gabriel García Márquez (Hundert Jahre
Einsamkeit 36, Die Liebe in den Zeiten der Cholera 42), Dan
Brown (Illuminati 18, Sakrileg 57), Leo Tolstoi (Krieg
und Frieden 66, Anna Karenina 95) und der von vielen als Autor
esoterischer Erbauungsliteratur (Susanne Fröhlich: esospirituell)
kritisierte Paulo Coelho (Der Alchimist 8, Veronika beschließt
zu sterben 90)
Besonders die Platzierungen von
Irving, Mankell, Brown und Coelho zeigen, wie recht Christoph Schröder
damit hat, dass wir hier nur »eine Momentaufnahme bestenfalls,
ein Sammelsurium von Geschmacksurteilen ohne jeden Repräsentationswert« vor uns haben. Und vor allem: Es geht eben nicht um die BESTEN, sondern
die BELIEBTESTEN. Ich stimme Schröder zu, wenn er schreibt: »Dass
sich an ein Buch wie Frank Schätzings Thriller Der Schwarm in einem
Jahr überhaupt noch jemand erinnern wird, ist eher unwahrscheinlich;
das Verfallsdatum von Carlos Ruiz Zafons Der Schatten des Windes dürfte
etwas weiter entfernt liegen, aber nicht viel, und auch John Irving, der
angeblich gleich mit drei Büchern vertreten sein soll, wird hoffentlich
noch in diesem Jahrhundert vergessen werden. [...] Irgendwann, so
wünscht man sich, sollte es dann so gegen Mitternacht auf einem Regionalprogramm
eine Sendung geben, die den großen Abwesenden huldigt, die nicht
unsere Besten werden durften, weil sie sich naturgemäß einer
solchen Veranstaltung verweigern: Joyce, Cervantes, Kafka und all die anderen.«
(Frankfurter
Rundschau, 1.10.2004)
-
Und wirklich gibt es zumindest
nach meiner Auffassung wichtige AutorInnen, die nicht einmal in
den TOP 100 vertreten sind, etwa Schiller, Heine, Kafka, Böll,
Tucholsky und Kästner, aber auch Agatha Christie und Mary Shelley
(mit Frankenstein), um nur einige zu nennen. Goethe schaffte es mit dem FAUST immerhin auf Platz 15, Lenz mit der DEUTSCHSTUNDE auf Platz 31,
Max Frisch mit HOMO FABER auf Platz 33, Günter Grass mit der BLECHTROMMEL auf 48 und Erich Maria Remarque mit Im Westen nichts Neues auf 49.
-
Interessant und schön finde ich,
dass die phantastische Literatur stark vertreten ist, nicht nur mit Tolkien, Harry
Potter und den Büchern von Michael Ende, sondern beispielsweise
auch mit Der kleine Prinz (Antoine de Saint-Exupéry, Platz
5), Tintenherz von Cornelia Funke (11), Die Nebel von Avalon (Marion Zimmer Bradley, 30), Per Anhalter durch die Galaxis (Douglas
Adams, 39), Krabat von Otfried Preußler (58) und 1984 von George Orwell (85).
-
Ebenso gut gefällt es mir, dass
auch Literatur über Mittelalter und Renaissance ihre LeserInnen findet.
Das beweisen der dritte Platz für Die Säulen der Erde von Ken Follett und der siebte Platz für Der Medicus von Noah
Gordon wie auch die Platzierungen der Romane Die Päpstin von
Donna W. Cross (10), Der Name der Rose von Umberto Eco (18) und Das
Lächeln der Fortuna (Rebecca Gablé, 77).
Aufgefallen ist mir, dass viele
der Longseller, die man weit vorne vermuten könnte, gar nicht oder
weiter hinten in der Liste vertreten sind; Keine Kinderbuchtitel von Erich
Kästner, Pippi Langstrumpf auf Platz 59. Keine Musketiere,
keine Seeräuber, kaum Indianer (Winnetou auf 79), kaum Abenteuerliteratur
(Der Graf von Monte Christo liegt auf Platz 97).
Zeitgenössische (oft leichte)
Literatur ist in, Phantastisches, Esoterisches, Historisches ...
Auswirkungen auf
den Verkauf
Im BÖRSENBLATT vom 18.11.2004 (47/2004)
berichtete der Börsenverein
des Deutschen Buchhandels, dass die Aktion bei sechs Büchern erhebliche
Steigerungen der Verkaufszahlen mit sich brachten, an der Spitze für
den drittplatzierten Titel, »Die Säulen der Erde«: Das
Buch kam im Vergleich zur 37. KW (zwei Wochen vor der Show) in der Woche
nach der Gala (41. KW) auf einen über sechs Mal so hohen Absatz (627
%). Am zweitstärksten profitierte »Tintenherz«
(339
%), dann folgten »Der Vorleser« (288 %), Das Parfüm«
(231 %) und auf Platz 5 »Der Herr der
Ringe« (223 %).
Sonst konnten nur noch für »Der Alchimixt« mit 216
% noch eine erhebliche Absatzsteigerung festgestellt werden und
mit Einschränkungen für »Der Schwarm« (140
%).