REZENSION

Leder oder Leinen: auf jeden Fall gut!
Die neuen Carroux-Ausgaben von Der Herr der Ringe

Friedhelm Schneidewind

erschienen in: »Der Flammifer von Westernis« (Zeitschrift der Deutschen Tolkien Gesellschaft), Nummer 37, Köln, Oktober 2009

Wenn ich in den letzten Monaten mein Wohnzimmer betrete, dann freue ich mich jedes Mal wieder über eine kleine Ecke, die ich eingerichtet habe. Eine Ecke, in der ein paar Bücher stehen, ein paar ganz besondere Werke. Normalerweise stehen Bücher bei mir in meiner Bibliothek. Und alles, was mit Tolkien zu tun hat, füllt dort mehr als ein komplettes Regal. Ein einziges Buch aus der Feder von Tolkien steht in meinem Wohnzimmer, neben ein paar alten ehrwürdigen Schinken: die ledergebundene Luxusausgabe von Der Herr der Ringe.

Diese Tatsache zeigt schon, dass ich von der im Oktober 2008 bei Klett-Cotta erschienenen, auf 7.777 Exemplare limitierten einbändigen Ausgabe im Ledereinband durchaus angetan bin. Und dennoch kann ich sie nur beschränkt empfehlen. Denn noch besser gefällt mir die im August 2009 erschienene rote, in Leinen gebundene Ausgabe.

Inhaltlich sind sie nahezu identisch (in der neuen Leinenausgabe wurden einige Fehler getilgt). In beiden Ausgaben finden wir die erste deutsche Übersetzung von Margaret Carroux, kenntnisreich und behutsam durchgesehen von Lisa Kuppler. Da diese im vorletzten Flammifer selbst dazu ausführlich Stellung genommen hat, möchte ich dazu nur wenig ergänzen.

Was der Verlag von ihr gewollt hatte – die Korrektur echter Übersetzungsfehler, die Berücksichtigung der neuesten englischen Ausgaben, wissenschaftlicher Erkenntnisse und des in den letzten Jahrzehnten aufgetauchten Materials von Tolkien –, hat Lisa Kuppler nahezu perfekt umgesetzt. Da für mich der Inhalt das Wesentliche ist, die äußere Form zwar nicht unbedeutend, aber zweitrangig, ist für mich klar, dass ich, wenn ich jemandem mein Lieblingsbuch ans Herz legen möchte, nur noch diese überarbeitete Carroux-Übersetzung empfehlen kann.

Doch welche Fassung? Die (inzwischen 128 Euro teure) Luxus-Ausgabe oder die neue rote Leinenausgabe, die bis Februar 2010 für 39,90 Euro zu haben war und seither 49,95 Euro kostet? [Preisangaben aktualisiert, FS]

Die Luxus-Ausgabe ist schon wegen des Preises nur etwas für Leute mit einer ganz besonderen Beziehung zu Büchern, für Sammlerinnen und/oder Buchliebhaber oder für Tolkien-Verrückte. Und sie ist schon beeindruckend: Das Dünndruckpapier, von manchen fälschlicherweise Bibelpapier genannt (das ist in der Regel noch erheblich dünner!) sorgt dafür, dass das Buch mit 1296 Seiten gerade mal 4 cm breit ist (inklusive Schuber) und nur 1.050 Gramm wiegt. Der flexible Ganzledereinband aus Schafsleder, Prägungen mit Echtgoldfolie, zwei Lesebändchen und der Schmuckschuber ergeben insgesamt ein »edles« Werk. Nach allem, was man hört, ist die Verarbeitung unterschiedlich gut, auch mein Exemplar hat leichte Falten im Leder. Insgesamt aber ist dies ein schönes, repräsentatives Buch – genau das richtige, um im Wohnzimmer auf den ersten Blick zu zeigen, wo meine Vorlieben liegen. Und aufgrund seiner Dicke und seines Gewichtes wie auch durch den Schuber eignet es sich durchaus als »Reiseexemplar«.

Zum häufigen Lesen und vor allem damit Arbeiten ist mir dieses Buch allerdings zu schade. Da ziehe ich die neue Leinenausgabe vor. Bei gleicher Seitenzahl und etwa gleicher Größe ist sie knapp 6 cm dick und wiegt 1.350 Gramm, beides ist nicht viel mehr als bei der Luxusausgabe. Und, welche Überraschung: Die Leinenausgabe übertrumpft die andere sogar in mancher Hinsicht. Warum nur hat man bei der Lederausgabe auf eine Schnittfärbung verzichtet? Zum Schutz des Buches wäre das sehr sinnvoll gewesen, und ein Goldschnitt hätte die repräsentative Ausgabe erheblich aufgewertet. Die Leinenausgabe hat rundum einen Rotschnitt! Und sie hat eine Karte mehr, mit Rohan, Gondor und Mordor, auf diesen »Luxus« wurde bei der »Luxusausgabe« verzichtet – wie auch auf den zweifarbigen Druck, während die Leinenausgabe durchgehend rot und schwarz gedruckt ist. Vor jedem der sechs Bücher finden wir eine rote Doppelseite mit Illustration. Der unempfindliche Schutzumschlag wurde sehr schön neu gestaltet, auch die Leinenausgabe hat zwei Lesebändchen. Erfreulicherweise sind beide Ausgaben identisch gesetzt, zum Verweisen und Zitieren kann man also beide gleichermaßen verwenden, eine sehr nützliche Eigenschaft, da hat Klett-Cotta sich etwas Sinnvolles einfallen lassen.

Mein Fazit: Inhaltlich sind diese beiden Ausgaben im deutschen Sprachraum wohl noch für lange Zeit maßgeblich. Es ist erfreulich und zu loben, dass Klett-Cotta den Aufwand einer Durchsicht der alten Übersetzung auf sich genommen hat. Sowohl dem Verlag wie Lisa Kuppler gebühren dafür Lob und Dank aller, die Tolkien und sein Werk schätzen. Wer den Herrn der Ringe nicht im Original lesen kann oder möchte, wer mit dem deutschen Text arbeiten will oder muss, der sollte sich eine dieser beiden Ausgaben zulegen.

Natürlich ist für mich als Tolkien-Fachmann und begeisterten Leser seiner Werke der Inhalt, die Übersetzung das Wichtigste. Als ehemaliger Druckereibesitzer, als Typograf und Ausbilder im Bereich Mediengestaltung ist es mir aber immer auch eine Freude, wenn gute Bücher gut gestaltet sind. Mein Lieblingsbuch in zwei so gelungenen Ausgaben vor mir zu sehen, bei denen Inhalt und Äußeres, Optik und Haptik bestens zusammenpassen, empfinde ich als ausgesprochen erfreulich. Welche der beiden Ausgaben man vorzieht, ist Geschmackssache. Als Geschenk für andere oder sich selbst ist die Luxusausgabe in Erwägung zu ziehen, solange sie noch lieferbar ist, aber eigentlich ist sie wirklich »Luxus«. Mit der Leinenausgabe hingegen haben wir endlich eine gelungene Übersetzung an der Hand, die auch noch erschwinglich ist (nur wenig teurer als die grüne dreibändige Krege-Ausgabe), eine Herr-der-Ringe«-Version, die in jeder Hinsicht empfehlenswert ist.

Dafür kann man wirklich Werbung machen! Ich werde es tun!

ergänzende Rezension:

Tolkien, John R. R., herausgegeben von Douglas A. Anderson (»The Annotaded Hobbit«, 1988/2002)
Das große Hobbit-Buch. Der komplette Text mit Kommentaren und Bildern
Übersetzung des HOBBIT Wolfgang Krege; Übersetzung und Bearbeitung der Anmerkungen: Lisa Kuppler
Klett-Cotta, Stuttgart 2012, 418 Seiten (nur) 29,95 Euro

Wie ich meine Rolle als Kritiker sehe: Schön oder gut? – Gedanken zur Kunstkritik (Essay)
(Saarländisches Kultur-Journal 5/1995)