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Jackson (er-)schlägt Tolkien!?
Ein Plädoyer für mehr Klarheit in der Darstellung

Die Film-Trilogie von Peter Jackson ist sicher eines der größten und besten Projekte der Filmgeschichte und kann mit Fug und Recht als Meisterwerk bezeichnet werden. Ob sie auch eine gelungene Verfilmung von Tolkiens »Herr der Ringe« ist, darüber wird ebenso zu Recht gestritten (ich sehe es als eine Sammlung verpasster Chancen; eine ausführliche Filmkritik folgt in Kürze). Unbestritten ist aber, dass die Verfilmung die Vorstellungen von Mittelerde enorm geprägt hat und zunehmend prägt.

Dies wäre an sich in Ordnung, wenn immer deutlich wäre, von was gerade gesprochen oder geschrieben wird. Leider aber gibt es in zahlreichen Büchern zum Film die fatale Tendenz, dies nicht klarzustellen, im Gegenteil eher so zu tun, als handele es sich um Informationen aus den Büchern von Professor Tolkien und nicht um Erfindungen der Filmcrew. Es ist wohl auch dieser Tatsache zu verdanken, das man im Impressum solcher Bücher häufig findet: »...ist ein Buch zum Film ... und wird mit der Erlaubnis, nicht jedoch der Zustimmung der Tolkien Estate veröffentlicht

Ein herausragendes Beispiel (im negativen Sinne) dafür ist das im Dezember 2003 erschienene Buch »Der Herr der Ringe: Waffen und Kriegskunst« von Chris Smith (The Lord of the Rings: Weapons and Warfare, HarperCollins Publishers, London 2003, deutsch Klett-Cotta, Stuttgart 2003). Dies ist eigentlich ein durchaus empfehlenswertes Buch mit vielen schönen Bildern und detaillierten Zeichnungen, umfangreichen Texten. (Es verkauft sich auch gut: Um die Jahreswende 2003/04 hielt es sich mehrere Wochen in den Top Ten der Sachbuch-Bestsellerliste!)
Aber: Das Buch basiert vollkommen auf der Verfilmung. Dies wird allerdings nirgendwo ausdrücklich klargestellt - und das ist aus meiner Sicht das Problem. Wer sich nicht gut auskennt, könnte – nein, muss – vermuten, dass die Hintergrundinformationen aus Tolkiens Werk stammen. Das meiste aber sind Interpretationen, oft sogar Erfindungen des Filmteams, die nicht selten sogar Tolkiens Original widersprechen.

Beispiele:

1. Die Geschichte der Uruk-Hai wird ziemlich anders dargestellt als Tolkien sie schildert (»Von Sauron gezüchtete Ork-Rasse [Einzahl: Uruk], die zum ersten Mal um 2475 DZ in Erscheinung traten, als sie Ithilien überrannten und Osgiliath eroberten« [Zitat aus meinem Lexikon]). Es wird zwar auf die erstmalige Züchtung durch Sauron hingewiesen, doch dann kommt die Beschreibung der seltsamen Filmschöpfung durch Sauron, und es werden sogar unter Berufung auf angebliche alte Dokumente Filmfiguren wie Lurtz ausführlich dargestellt, noch toller: Es wird berichtet über »sogenannte ›Geburtsgruben‹, die man im Vierten Zeitalter unter Isengard entdeckte«. Spannend erzählt, sicher – doch Tolkien und Jackson werden heillos ohne Differenzierung vermischt.

2. Es werden viele Arten von Bögen und Pfeilen vorgestellt in Bild und Text. Über die Technik der Pfeile und Bögen hat Tolkien jedoch wenig geschrieben; sein Interesse daran war nicht technischer Art, und soweit bekannt, hat er selbst niemals Bogen geschossen (dies und was bekannt ist, habe ich ausführlich in meinem Artikel zum Bogenschießen, PDF mit 173 KB, erläutert). Auch über die Schwerter und anderen Waffen weiß man im Einzelnen nicht viel, selten, wie lang sie waren oder welche Form und Gestalt sie hatten. Vergleichbares gilt für Kleidung und Rüstung. Abgesehen davon sind auch die Angaben zu den Pfeilen nicht in Ordnung; in der deutschen Ausgabe wird immer von Pond gesprochen, wenn pound, also englische Pfund, gemeint sind, und die Angaben, die zu Zugstärke und Reichweite der Bögen gemacht werden, sind teilweise hanebüchen. (Dazu und allen anderen Fragen rund ums Bogenschießen bei Tolkien mehr auf meinem Vortrag auf dem 3. Tolkienfest 2004 und dem anschließend folgenden Artikel.)

3. Die Beschreibungen der Schlachten in dem Filmbuch sind zwar beeindruckend, aber doch eben Ausmalen der Fantasie der Filmemacher, die damit ihre Filmszenerie beschreiben und untermauern, kaum etwas lässt sich bei Tolkien findet. Ausführlich wird zum Beispiel die Ankunft und die Kampfweise der Elben bei Helms Klamm dargestellt - bei Tolkien aber kommen die Elben dort niemals hin, das wäre auch absolut unpassend beim Verhältnis der Rohirrim zu den Elben (einer der großen Fehler in Jacksons Werk). Und die 500 Mann, die Aragorn zum Schwarzen Tor führt, sind eher ein Witz; bei Tolkien sind es immerhin 7000. (Wo haben die im Film übrigens ihre Pferde gelassen?)

4. Saruman stirbt im Film ja nicht (da die Szene rausgeschnitten wurde), in Chris Smith' Buch wird behauptet, sein Schicksal sei unklar, ob er in Orthanc von Schlangenzunge getötet oder im Auenland umgekommen sei oder weiterhin Menschen verführt habe. Das widerspricht eindeutig Tolkien

Das meiste, was Chris Smith darstellt, ist Erfindung für den Film. Das ist prinzipiell in Ordnung, aber ich bin der Meinung, es müsste immer klar gestellt sein, was Original Tolkien und was Dazu-Erfindung oder Interpretation ist. Sonst weiß in absehbarer Zeit die Mehrheit nicht mehr zu unterscheiden: Aus Peter Jacksonm wird Tolkien!

Ich plädiere dafür und appelliere an alle Autor*innen und Verlage, in Zukunft immer deutlich zu machen, was von Tolkien und was von Jackson bzw. seinem Team stammt. Denn ich befürchte, dass sonst irgendwann in den Köpfen Mittelerde nur noch Jackson und nicht mehr Tolkien ist.

Es gibt übrigens auch viele Widersprüche innerhalb des Filmwerks und entsprechend auch des Buches.
So wird einmal behauptet, die Nazgul seien mit Waffen oder Pfeilen nicht zu verletzen – was ist dann mit Szene in Osgiliath im zweiten Film?

Und dann werden in dem Filmbuch Szenen beschrieben, die doch der Schere zum Opfer fielen, etwa die Konfrontation zwischen dem Hexenkönig und Gandalf.